Jüdischer Friedhof Währing bittet um Unterstützung

Jennifer Kickert und Marco Schreuder
Lesedauer: 4 Minuten

An jedem zweiten Sonntag im Monat ist der jüdische Friedhof Währing für BesucherInnen geöffnet. Wir haben uns bei einem Rundgang angeschaut, wie die Sanierung dieses wichtigen historischen Ortes vorangeht, wie man die Arbeiten unterstützen kann. Und was die Grabsteine mit dem Vulkanier-Gruß im Raumschiff Enterprise zu tun haben.

Grabsteine werden langsam wieder aufgerichtet

Er freue sich über jeden einzelnen Grabstein, der wieder aufrecht stehe, erzählt Marco Schreuder bei der Führung durch den Jüdischen Friedhof Währing. Knapp 8.000 Grabsteine sind bis heute erhalten geblieben. Einige wurden in den letzten Jahren renoviert, viele andere sind umgestürzt, zerbrochen oder halb in den Boden eingesunken. Dank der Arbeit vieler hunderter Freiwilliger, dem Verein „Rettet den jüdischen Friedhof Währing“ und Unterstützung von der Bundesregierung und der Stadt Wien wird der Friedhof in den letzten 20 Jahren langsam wieder hergerichtet. Davor war er jahrzehntelang verfallen.

Der jüdische Friedhof Währing ist eigentlich in Döbling

Eröffnet wurde der Friedhof im Jahr 1784. Kaiser Joseph II. ordnete damals an, dass alle Friedhöfe jenseits der Stadtgrenzen liegen sollten, die in diesem Bereich ungefähr der heutigen U6 entspricht. Ein großer Friedhof entstand in der Folge dort, wo heute der Währinger Park ist. Im nordöstlichen Eck befand sich die jüdische Abteilung. In den 1880ern eröffnete die Stadt Wien dann den Zentralfriedhof. Die alten Friedhöfe in der Stadt wurden nach und nach geschlossen und in Parks umgewandelt – so entstanden der Währinger Park und der Schubertpark. Der jüdische Friedhof blieb hingegen bestehen, da Umbettungen im Judentum aus religiösen Gründen nicht vorgesehen sind.

Aus dieser Zeit stammt noch ein anderes kurioses Detail: Der jüdische Friedhof Währing liegt eigentlich in Döbling. Grund dafür sind Verschiebungen der Grenzen zwischen den Bezirken im Zuge der Eingemeindung. Döbling und Währing waren wie die anderen „Vorstädte“ bis 1892 eigene Gemeinden.

Arthur Schnitzler Hof

Statt 250.000 Jüdinnen und Juden leben heute nur mehr etwa 7.500 in Wien

Nach 1938 wurde der Friedhof von Nationalsozialisten geschändet und teilweise zerstört. Auf dem nordöstlichen Teil des Friedhofes sollte ein großer Luftschutzkeller entstehen. Ein Teil des Friedhofs wurde zerstört – heute befindet sich auf diesem Areal der Gemeindebau „Arthur-Schnitzler-Hof“.

Die knapp 250.000 Jüdinnen und Juden in Wien wurden entweder ermordet oder vertrieben. Heute hat die israelitische Kultusgemeinde in Wien nur mehr etwa 7.500 Mitglieder und kann sich daher nicht mehr um die vielen Gräber und jüdischen Friedhöfe kümmern. Bis in die 1990ern verfiel der Friedhof immer weiter. Erst mit dem sogenannten „Washingtoner Abkommen“ zur Entschädigung und Rückgabe jüdischen Eigentums im Jahr 2001 änderte sich das Bild. Die Republik Österreich verpflichtete sich darin, die Erhaltung jüdischer Friedhöfe zumindest mitzufinanzieren.

Führungen durch den jüdischen Friedhof Währing an jedem zweiten Sonntag im Monat

Im Jahr 2007 beschloß der Wiener Gemeinderat schließlich nach einem Antrag der Grünen, die ärgsten Schäden zu beseitigen, erzählt Marco Schreuder, der damals grüner Landtagsabgeordneter war und heute für die Grünen im Bundesrat sitzt. 2010 einigten sich Bund, Land und die israelitische Kultusgemeinde auf die Finanzierung einer schrittweise Sanierung des Geländes. Seither organisiert der Verein“ Rettet den jüdischen Friedhof Währing“ jedes Jahr mehrmals Termine, bei denen Freiwillige den Friedhof langsam wieder herrichten. Der erste Termin in diesem Jahr ist am 10. April.

Der Friedhof steht Besuchern an jedem zweiten Sonntag des Monats von 10.00 bis 16.00 offen, Führungen sind um 11.00 und 13.00 Uhr. Die nächsten Termine sind: 13. März, 10. April, 8. Mai und 12. Juni.

Genauere Informationen gibt es auf der Homepage des Vereins „Rettet den jüdischen Friedhof Währing“

www.jued-friedhof18.at und der Homepage der grünen Landtagsabgeordneten Jennifer Kickert.

Biedermeier-Friedhof mit hebräischen Aufschriften

Der westliche Teil des Friedhofs ist inzwischen wieder halbwegs hergerichtet. Auf der östlichen Seite in Richtung Gürtel liegen aber immer noch hunderte Grabsteine kreuz und quer durcheinander, überwachsen von Moos und Gras. Schaut man sich die Grabsteine genauer an, ähneln sie über weite Strecken dem, was man auf anderen Biedermeier-Friedhöfen in Wien sieht, etwa in St. Marx. Nur die Aufschriften sind teilweise hebräisch. Die damalige Wiener jüdische Gemeinde sei sehr offen und wenig religiös gewesen und habe sich am Stil der Zeit orientiert.

Prächtige Grabsteine und der Vulkanier-Gruß

Zu finden sind prachtvolle Gräber wie das der Familie Ephrussi, einer der reichsten Händler- und Bankiersfamilie ihrer Zeit, oder der Bankiersfamilie Epstein. Begraben wurden hier aber auch viele Menschen aus armen Verhältnissen, die sich nicht einmal einen eigenen Grabstein leisten konnten.

Jüdischer Friedhof Währing Hände

Auf den Grabsteinen ist eine reiche Symbolik zu finden, die sich erst mit einer guten Führung erschließt. Auf vielen Gräbern sind zum Beispiel Händen mit gespreizten Fingern zu sehen – das Symbol der jüdischen Gruppe der Kohanim. Viele denken bei der Abbildung der segnenden Hände an den Gruß der Vulkanier in der Serie „Star Trek“ und das ist kein Zufall. Der Hintergrund: Der Schauspieler Leonard Nimoy, der in der Serie „Star Trek“ die Rolle des Spock spielte, hat jüdische Wurzeln. Und als in der Serie ein eigener Gruß der Vulkanier gesucht wurde, schlug Nimoy dieses jüdische Symbol vor.

Erinnerung an die Stifter wichtiger Wiener Institutionen

Von einem Ende der Arbeit können noch keine Arbeit sein, erklärt Jennifer Kickert, die die Arbeit im Verein inzwischen von Marco Schreuder übernommen hat. Es gehe darum, einen Teil der Geschichte Wiens am Leben zu erhalten, den viele vergessen haben. Die jüdische Gemeinde habe wichtige Institutionen des heutigen Wien finanziert oder mit aufgebaut. Das reicht von Krankenhäusern wie der Rudolfsstiftung bis zu kulturellen Einrichtungen wie dem Musikverein. Die Familien dieser Stifter finde man heute nur mehr am jüdischen Friedhof, weil die Nationalsozialisten ihre Nachfahren entweder ermordet oder vertrieben haben.

Mittel für eine Dauerausstellung am Friedhofsgelände fehlen noch

Besonders nahe gehe es ihr, wenn die Nachkommen dieser Menschen nach Wien kommen, um am Friedhof die Gräber ihrer Vorfahren zu suchen, erzählt Kickert. Nicht alle werde fündig. Aber für alle sei es ein wichtiges Symbol, um an die Familiengeschichte anzuknüpfen. Diese Besuche seien sehr berührend und würden ihr die Kraft geben weiterzuarbeiten, erzählt die grüne Landtagsabgeordnete Kickert. Und sie bittet um Spenden, damit die Arbeit fortgesetzt werden kann.

Im sogenannten „Tahara-Haus“ beim Eingang wurden die Leichen gewaschen und für die Beerdigung vorbereitet . Hier soll demnächst eine Dauerausstellung über die Geschichte des Friedhofs entstehen. Die finanziellen Mittel reichen dafür allerdings noch nicht aus. Und es gibt auch noch mehr als genug Grabsteine die darauf warten, aufgerichtet zu werde

Dem jüdischen Leben in Währing widmet sich auch die Ausstellung „Schnitzler im Gemeindebau“ im Amtshaus in der Martinstraße. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis ende Mai.

An den „offenen Mittwochen“ gibt es dazu auch Veranstaltungen, und zwar an folgenden Terminen:

16.2., 16.3., 20.4., 18.5.2022

Aktuelle Information dazu gibt es auf der Facebook-Seite der Bezirksvorstehung.

Photos: Müller-Schinwald

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