Handarbeit für die Pötzleinsdorfer Allee

Handarbeit in der Pötzleinsdorfer Allee
Lesedauer: 4 Minuten

In der Pötzleinsdorfer Allee ist zur Zeit Handarbeit angesagt. Bei jedem einzelnen der mehr als 100 Bäume wird händisch gegraben. So sollen möglichst viele Wurzeln erhalten und die Zukunft der Alle gesichert werden. Wir haben uns angeschaut, wie diese wichtige, aber mühsame Arbeit ausschaut.

Bäume in der Stadt sind gefährdet

„Um einige Bäume in der Allee mache ich mir echte Sorgen“, sagt Martin Schindler. Fast jeden Tag ist der Sachverständige vom Ingenieurbüro Arbeitsgruppe Baum auf der Baustelle unterwegs um die Arbeiten zu unterstützen. Die Situation von Bäumen in der Stadt werde von Jahr zu Jahr schwieriger, erklärt er.

Höhere Temperaturen, Schädlinge, Belastung durch Verkehr und andere Umwelteinflüsse – Viele Baumarten können in der Stadt von heute nicht mehr gut überleben: Für Rosskastanien sei es in Wien inzwischen einfach zu heiß. Spitzahorne, Eschen, Ulmen – für diese Baumarten wird es in der Stadt zunehmend schwieriger zu überleben. diese Baumarten sind im Stadtbild jetzt schon rar gesät. An ihre Stelle werden neue Arten treten, die das Klima in der Stadt besser aushalten. Zum Beispiel der Südliche Zürgelbaum, der Japanische Schnurbaum, Gleditschie, Feld-Ahorn und verschiedene Eichen-Arten.

Das Erdreich rund um die Bäume ist extrem verdichtet

Die Pötzleinsdorfer Allee besteht aus 107 Linden, angelegt wurde die Allee vor zweihundert Jahren. In einer zweiten Reihe auf der nördlichen Seite sind außerdem Schwarzkiefern gesetzt. Beide Baumarten können mit den Bedingungen in der Stadt relativ gut umgehen.

In den letzten Jahrzehnten hätten die Menschen aber durchaus besser auf die Bäume und ihre Standorte aufpassen können, sagt Martin Schindler. Die Erde auf den Baumscheiben ist extrem verdichtet, weil hier über viele Jahre Autos geparkt haben. Viele oberflächliche Wurzeln sind beschädigt Die ständigen Vibrationen der vorbeifahrenden Straßenbahnen haben die Verdichtung noch weiter verstärkt. Bei den Lokalaugenscheinen von „Unser Währing“ im vergangenen Jahr waren auch immer wieder Spuren von Öl zu sehen, das ins Erdreich eingesickert ist. Und in der Höhe der Stoßstangen und Anhängekupplungen sind Verletzungen der Rinde zu sehen.

Möglichst viele Wurzeln sollen erhalten bleiben

Im Zug der Rettung der Allee werden die Baumscheiben deutlich vergrößert, außerdem wird ein eigenes Bewässerungssystem eingebaut damit die Bäume Hitzephasen besser überstehen können, erklärt Schindler. Dabei muss rund um die Bäume gegraben werden und das ist eine Herausforderung. Die Linde ist ein sogenannter Herzwurzler, im obersten Meter Erdreich sind die meisten Wurzeln zu finden. Würde hier einfach mit einem Bagger gearbeitet, wäre der Schäden an den Bäumen daher sehr groß. Natürlich kann nicht jede einzelne feinste Wurzel erhalten bleiben. Besonderes Augenmerk liegt auf den Grob- und Starkwurzeln, die für die Standfestigkeit der Bäume besonders wichtig sind.

Die meisten „Parkplätze“ waren nicht legal

Beim Lokalaugenschein mit „Unser Währing“ zeigt Martin Schindler die verschiedenen Phasen der Arbeiten, die heuer erst auf der südlichen, nächstes Jahr dann auf der nördlichen Seite de Allee stattfinden. Zuerst wird der bestehende Belag entfernt, zum Teil ist hier Asphalt, zum Teil Pflaster. Eigentlich sollten die Bereiche zwischen den Bäumen Grünfläche sein, Parken ist daher verboten. Im Lauf der Jahrzehnte sind aber verschiedene Bodenbeläge „entstanden“, die jetzt entfernt werden


Neue Baumscheiben markieren

Im nächsten Schritt wird markiert, wo künftig die Begrenzung der Baumscheiben sein wird und dann wird gegraben, und zwar per Hand. Je nach Höhe der umliegenden Wege und der Entfernung zur Fahrbahn können das einige wenige Zentimer oder mehrere Dezimeter sein. Gegraben wird dabei nur so tief, wie es für die neue Umrandung nötig ist. Jede Bauarbeit sei für die Wurzeln eigentlich ein Problem, je weniger gegraben werden müsse, desto besser.


Handarbeit mit dem Zimmermannshammer

Die wichtigsten Werkzeug dabei sind der Zimmermannshammer, Spatengabel und Spitzhacke. Damit wird die Erde rund um die Wurzeln aufgelockert und dann vorsichtig abgegraben. In den sensiblen Bereichen wird per Hand vorgearbeitet, für die wurzelfreie Erde kommt dann der Bagger zum Einsatz.

Könne man sich das so vorstellen wie die Arbeit eines Archäologen oder eines Dinosaurierforschers? Fast, lacht Martin Schindler. Es sei auf jeden Fall Fingerspitzengefühl gefragt. „Eine schöne Hockn“, ergänzt einer der Arbeiter schwitzend.


Bewässerung für jeden Baum

Sobald tief genug gegraben worden ist werden die Steine für die Umrandung der Baumscheiben gemauert. Die Bäume haben künftig deutlich mehr Platz, die Baumscheiben reichen jetzt stellenweise bis zu den Betonfundamenten der Straßenbahnschienen heran.


Mehr Platz in heißen Sommern

Zum Schluss werden die Wurzeln und die Bewässerungsleitungen mit lockerer Erde abgedeckt, je nach Standort und Grabungen unterschiedlich tief. Die Bäume werden hier künftig mehr Platz haben und damit bessere Chancen, die heißen Sommer in der Stadt besser zu überstehen.


Es dauert Jahrzehnte, bis ein Baum „klimawirksam“ wird

Beim Umgang mit Bäumen in der Stadt finde gerade ein Paradigmenwechsel statt, erklärt Martin Schindler. Früher hätten die Wurzeln bei den Bauarbeiten keine besonders große Rolle gespielt. Ob die Bäume überleben oder nicht, habe keine besondere Priorität gehabt. Das Wiener Baumschutzgesetz gibt es bereits seit den 1970ern, bis es auch in den Köpfen angekommen sei, habe es aber offenbar einige Zeit gebraucht. Für Bauarbeiten müsse man jetzt eben etwas mehr Geld in die Hand nehmen. Aber die großen, alten Bäume zu erhalten sei auf jeden Fall besser als neue zu pflanzen. Denn bis ein Baum tatsächlich positive Wirkung auf das Stadtklima ausübe, könne es mehrere Jahrzehnte dauern.

Mühlbacher, Nossek, Trinko MBA18

Bezirk hat Sanierung im Dezember beschlossen

Seit Jahren hatten die Wiener Stadtgärten gewarnt, dass die Bäume in der Pötzleinsdorfer Allee in schlechtem Zustand sind. Im vergangenen Dezember hat das Bezirksparlament dann die Sanierung beschlossen. Gemeinsam mit dem neuen Radweg werden die Arbeiten etwa eine Million Euro kosten, der Großteil davon wird direkt von der Stadt Wien getragen.

Bilder: Müller-Schinwald, MBA18

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