Die „Schwammstadt“ am Voglmarkt bewährt sich

Schwammstadt Johann-Nepomuk-Vogl-Markt
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Der Nepomuk-Vogl-Platz ist der erste Platz in Wien, der nach dem Schwammstadt-Prinzip gebaut wurde. Bei einem Lokalaugenschein mit „Unser Währing“ erklärt der Landschaftarchitekt Karl Grimm wie das System funktioniert und warum es für die Bäume im Sommer besonders wichtig ist.

Genügend Wasser für Stadtbäume in heißen Sommern

Die Betreiberin eines der Marktstände hat das Wort noch nie gehört. Ein junger Mann hingegen, der gerade am Vogl-Markt Tischtennis spielt, wird hellhörig als er das Wort Schwammstadt hört. Interessiert hört er zu als der Landschaftsarchitekt Karl Grimm beim Treffen mit „Unser Währing“ beschreibt, was das ist: „Das Ziel einer Schwammstadt ist, dass die Bäume wieder so wachsen können wie in der Natur und dass sie eine große Krone bekommen. Dafür wird der Aufbau des Untergrunds einem natürlichen Boden, der genügend Wasser speichern kann, nachempfunden.“

Karl Grimm Landschaftsarchitekt

Wenn die Bäume schon im Sommer braune Blätter bekommen, ist das ein sichtbares Zeichen dafür, das sie unter der Hitze und Trockenheit leiden. „Viele Stadtbäume leben gerade einmal zwanzig Jahre“, erzählt Grimm, „dann müssen sie ausgetauscht werden und das genau dann, wenn sie gerade groß genug sind, um ausreichend Schatten zu spenden.“

Schwammstadt: Der Boden nimmt Regenwasser auf und speichert es

Damit die Bäume am Johann-Nepomuk-Vogl-Platz länger und gesünder leben und über viele Jahrzehnte Schatten spenden können, hat hier jeder Baum einen großen Wurzelraum bekommen. Der Boden ist zudem so aufgebaut, dass er genug Feuchtigkeit und Nährstoffe speichert und den Baum kontinuierlich damit versorgt. Wie ein Schwamm Wasser saugt der Boden das Wasser auf und gibt es kontinuierlich an die Wurzeln der Bäume ab. Dafür wurde der Untergrund, im Zuge der Neugestaltung des Platzes durch ein grobkörniges porenreiches Steinmaterial sowie feineres wasserspeicherndes Substrat verfüllt.

Voglmarkt ist das erste Schwammstadt-Projekt in Wien

Man könne sich das Steinmaterial, das hier im Untergrund verlegt wurde, wie Gleisschotter vorstellen, erklärt Grimm. Entwickelt wurde das Schwammstadtprinzip in Stockholm. Dort hatte man beobachtet, dass Bäume gerade an Gleisanlagen besonders gut wachsen. Das Stockholmer Prinzip wurde dann von einer Gruppe von Landschaftsarchitekten, zu denen unter anderem Karl Grimm zählt, nach Wien gebracht und gemeinsam mit Wissenschaftlern und den Wiener Stadtgärten an die lokalen Bedingungen angepasst.

Johann-Nepomuk-Vogl-Markt

Es lohnt sich Karl Grimm bei der Aufzählung der einzelnen Bodenschicht im Bereich der Bäume aufmerksam zu folgen: unter dem Pflaster kommt erst eine Tragschicht und dann eine Schicht aus feinem Splitt. Hier sind die Verteilerrohre verlegt, die das Wasser und Luft zu den Bäumen leiten.

Zuunterst liegt dann das grobe, mit feinem Substrat gefüllte Steingerüst direkt auf dem gewachsenen Boden auf. Jeder Baum hat einen 35 Kubikmeter großen Wurzelraum. Die Wurzeln der Bäume haben hier genügend Raum.

Die Hohlräume des porösen Steinmaterials werden mit einem feinen Substrat aus Sanden, Kompost und Pflanzenkohle gefüllt. Dieses Gemisch kann gut Wasser und die Nährstoffe speichern. Dieses Steingemisch werden zukünftig die Bäume durchwurzeln.

Wie das Wasser zu den Bäumen kommt

Quer über den Platz verläuft eine Rinne, die das Oberflächenwasser sammelt und zu den Bäumen verteilt. Das Regenwasser von den Dächern der Marktstände wird ebenfalls gesammelt und zu den Bäumen geleitet. Der Landschaftsarchitekt Karl Grimm war nicht nur für die neuen Tiefbeete zuständig, sondern für die gesamte Neugestaltung des Nepomuk-Vogl-Platzes. Nach einer Bürgerbefragung und in enger Abstimmung mit dem Bezirk wurden die WC Anlage an den Rand des Platzes in die Reihe der Marktstände und der Müllsammelplatz hinter einem Zaun verlegt. Damit ist die Mitte zur Benutzung freigespielt.

Vogl-Markt Fontäne @Karl Grimm

Nun stehen auf dem Platz neun neue Bäume und in der Mitte des Platzes gibt es ein Wasserspiel. Die Kinder sind begeistert von den Wasserfontänen, die Nebeldüsen machen die Sommerhitze für alle erträglicher. Auch die Bäume profitieren von dem Wasser. Gerade an heißen Tagen bekommen sie so ausreichend Feuchtigkeit. In der Anfangsphase war der Wasserdurchlauf des Wasserspiels zu hoch eingestellt.

Die Bäume konnten all das Wasser garnicht aufnehmen und es floss weiter ins Grundwasser ab. Inzwischen ist die Wassermenge an den Bedarf der Bäume angepasst. Pro Tag laufen hier im Sommer 6-7 Kubikmeter Wasser durch.

Stadt und Bezirk waren bereit etwas neues auszuprobieren

In Österreich gibt es inzwischen an die 20 Plätze, die nach dem Schwammstadtprinzip aufgebaut sind. Am Nepomuk-Vogl-Platz ist die Umsetzung gelungen. Das war nur möglich, betont Karl Grimm, weil die zuständigen Magistratsabteilungen sofort bereit waren, sich an dem Vorhaben sich zu beteiligen und es zu unterstützen. Hätte es Widerstand gegeben, weil man so was ja noch nie in Wien gemacht hat, wäre es schwierig geworden. Ideal waren auch die Bedingungen: ein befestigter Patz, der im Winter nicht gestreut wird und kein Motorverkehr.

Nur gesunde und gut entwickelte Bäume werfen ausreichend Schatten. Und nur wenn genügend Feuchtigkeit zur Verfügung steht, können die Bäume das Wasser verdunsten und ein angenehmes Mikroklima herstellen. Freuen wir uns also auf den Sommer. An dem Tag, an dem ich mich mit Karl Grimm vor Ort getroffen habe, war ein sehr kalter Januartag. Die meisten Leute überquerten den Platz nur schnellen Schrittes. Der Tischtennispieler und seine Begleitung haben auch schon längst wieder ihre Sachen gepackt und sind weggegangen.

Schwammstadt Johann-Nepomuk-Vogl-Markt
Schwammstadt Johann-Nepomuk-Vogl-Markt

Photos und Grafik: Karl Grimm, Müller-Schinwald

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