Das Cottage: Vom Wohnprojekt zur Villengegend

Cover Cottage Norbert Phillip
Lesedauer: 3 Minuten

150 Jahre Wiener Wohngeschichte zeichnet Norbert Philipp in seinem Buch über das Währinger Cottage nach. Dabei ordnet er die Entwicklung des Gebietes auch in das weitere städtebauliche Umfeld der Wiener Gründerzeit ein. Und er wirft einen Blick auf die berühmten und weniger berühmten BewohnerInnen.

Vorbild für viele Viertel und Städte Mitteleuropas

Die Geschichte des Cottage beginne mit einer ironischen Tatsache, erzählt Norbert Philipp im Gespräch mit „Unser Währing“: Die Gruppe, für die das Projekt vor 150 Jahren eigentlich gedacht war, könne sich dort heute sicher keine Wohnung mehr leisten, geschweige denn ein eigenes Haus. Denn was heute eine Villengegend ist, hat eigentlich als wohnpolitisches Projekt begonnen. Statt in der überfüllten, ungesunden Großstadt sollten Familien in eigenen Häusern im Grünen wohnen können. Das war zumindest die Idee der Gründerväter des Cottage-Vereins. Und die Auswirkungen dieser Gründung reichen weit über den 18en und 19en Bezirk hinaus. Ideen und Gestaltung waren Inspiration für andere Gegenden Wiens und auch Viertel in anderen mitteleuropäischen Städten.

Cottage Sternwartestr_B

Wohnen in einer neuen Welt

Als der Cottageverein am 14. März 1872 gegründet wurde, befanden sich Wien und Österreich im Umbruch. Die Industrialisierung stellte die Gesellschaft auf den Kopf, immer mehr Menschen trieb es in die Städte, soziale Wohlfahrt war für den Staat noch kein Thema. Während die Oberschicht in die neuen Palais der Ringstraße einzog, wussten die Arbeiter und Arbeiterinnen kaum, wie sie den nächsten Tag bewältigen sollten.

Und ausgerechnet um diese Gruppe ging es einer Gruppe rund um Heinrich Ferstel, einem der großen Ringstraßen-Architekten. Auch ihre Familien sollten ein gesundes Leben führen können – in einem Gebiet außerhalb der Stadt, nahe an der Natur. Revolutionär in einer Zeit, als das Konzept der Vorstadt, heute auch gerne als „Speckgürtel“ bezeichnet, noch nicht einmal existierte.

Von der Vorstadt in die Großstadt

Die weitere Geschichte stellt Norbert Philipp übersichtlich und leicht lesbar in seinem Buch dar. Von den Anfängen an der ehemaligen Sandgrube an der Türkenschanze und die Eingemeindung der Vororte Währing und Döbling in die Reichs- und Residenzstadt Wien, über das Leben des Großbürgertums vor dem ersten Weltkrieg bis zum Wüten und Morden der Nationalsozialisten. Berühmte Namen kommen vor, die jeder Besucher des Viertels kennt: Salten, Schnitzler, Brauer. Erzählt wird über den Eislaufverein, der hier entstand, und über tragische Folgen von Liebeleien im Cottage-Sanatorium, dem heutigen Wohnkomplex der russischen Botschaft gegenüber des Türkenschanzparks.

Cottage A_Frankgasse

Personen und Persönlichkeiten

Ihn habe fasziniert, welche Persönlichkeiten und Lebensläufe im Cottage zu finden sind, erzählt Autor Norbert Phillip. Um die Jahrhundertwende seien hier Ideen und Ideologien besprochen und diskutiert worden, die unsere Gesellschaften bis in die Gegenwart prägen. Aber auch über die heutigen Bewohner gebe es viele interessante und spannende Geschichten zu erzählen – Michael Schnitzler mit seinem Regenwald-Projekt sei da nur ein Beispiel von vielen .

Zwei Bücher zum 150-jährigen Jubiläum

Zum 150-Jahr-Jubiläum des Cottage-Vereins erscheinen zwei Bücher. Das eine ist der wissenschaftlicher Sammelband „Das Wiener Cottage – Der Traum vom gesunden Wohnen„, der beim Manz-Verlag erschienen ist. Das andere ist das Buch von Norbert Philipp beim Braumüller-Verlag. Philipp arbeitet bei der Tageszeitung „Die Presse“ und schreibt dort unter anderem über Architektur, Kultur und Design. Vor dem Cottageverein müsse man wirklich den Hut ziehen, meint er am Ende des Gesprächs. In den letzten 150 Jahren habe er sich natürlich stark verändert. Dem jetzigen Vorstand gehe es darum, das Erreichte zu bewahren – nicht im Sinn eines reaktionären Festhaltens um des Festhaltens willen. Sondern um das Erreichte und die Werte des Cottage in Zukunft zu tragen: Bauen und Leben mit gegenseitiger Rücksichtnahme. Und von diesem Beispiel könne die ganze Stadt profitieren. Auch wenn die ursprüngliche Idee sich ganz anders entwickelt habe als von den Gründervätern erwartet.

Cover buch Das Cottage in Wien

Das Cottage in Wien

Norbert Philipp

224 Seiten.

Preis: 21,99 Euro.

Der Autor wird das Buch bei einer Lesung am 21. Juni im Amtshaus vorstellen, Moderation Petra Hartlieb.

Alle Informationen dazu finden Sie in unserem Veranstaltungskalender.

Photos: Norbert Philipp, Caroline Frank

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